Strassenumfrage

Passantenumfrage – «Ich habe noch nie was von Srebrenica gehört»

Der 11. Juli ist der Gedenktag an das Massaker von Srebrenica – doch ist der Völkermord bereits aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden? baba news hat nachgefragt.

Moderation: Stephanie Stefan / Video: Albina Muhtari

 

Im Juli 1995 fand in der bosni­schen Stadt Srebrenica ein Kriegs­ver­brechen statt, das durch UN-Gerichte als Genozid klassi­fi­ziert wurde. Innerhalb von wenigen Tagen wurden mehr als 8’000 musli­mische Bosniaken, fast ausschliesslich Männer, zwischen 13 und 78 Jahren getötet.

Das Massaker wurde unter der Führung von Ratko Mladić von der Armee der Republika Srpska, der Polizei und serbi­schen Parami­litärs verübt. Die Täter vergruben tausende Leichen in Massen­gräbern. Mehrfache Umbet­tungen in den darauf folgenden Wochen sollten die Taten verschleiern. Das Massaker gilt als das schwerste Kriegs­ver­brechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Anders als der 11. September scheint das Massaker von Srebrenica aus der öffent­lichen Wahrnehmung in Europa verschwunden zu sein – trotz geogra­fi­scher Nähe. Viele Passanten hatten entweder noch nie etwas davon gehört oder konnten die Ereig­nisse nur sehr vage zuordnen oder benennen. Bei der Balkan-Community spielt Srebrenica aller­dings nach wie vor eine grosse Rolle. Wir haben Gedanken und Stimmen dazu gesammelt.

 

«Die Gescheh­nisse in Srebrenica sind das beste Beispiel für einen absoluten Zynismus. Die Dinge, die in Srebrenica passiert sind, sind grausam und kaum vorstellbar. Man behan­delte Menschen wie Tiere in einem Schlachthof. Frauen wurden täglich verge­waltigt und Männer erschossen. Viele Überle­bende tragen noch immer extreme Narben mit sich, auch wenn man es ihnen nicht ansieht, wenn man auf der Strasse an ihnen vorbei­läuft.»

– Hamed, 48 –

 

«Als Serbin aus Bosnien (Banja Luka) sage ich: Serben*innen, anerkennt endlich all die Gräuel­taten des Krieges! Das Massaker von Srebrenica war ein Genozid, General Mladić sprach davon ‹unser Land von den Türken zu befreien›. Nach 24 Jahren lassen sich unzählige Serben*innen immer noch von natio­na­li­sti­schen Verschwö­rungs­theorien blenden. Vor genau einem Jahr war ich in Sarajevo, wo überall mit Plakaten, Pins und TV-Beiträgen auf Srebrenica aufmerksam gemacht wurde. Einen Tag später, in meiner Stadt Banja Luka, reali­sierte ich, dass dort nichts davon in der Öffent­lichkeit erwähnt wird. Beides sind Städte in Bosnien. Schluss damit, Srebrenica herun­ter­zu­spielen, zu relati­vieren oder ganz zu leugnen! Krieg ist für alle Betei­ligten schrecklich und trauma­tisch, aber wenn wir solche Gräuel­taten in Zukunft verhindert und uns versöhnen wollen, muss jeder und jede seine Fehler einge­stehen.»

– Jelena, 25 –

 

«Jedes Jahr im Juli läuft es mir eiskalt den Rücken runter, was Menschen anderen Menschen mitten in Europa Grausames antun konnten.»

– Jasmin, 32 –

 

«Es regt mich grässlich auf, dass gewisse Menschen den Genozid trotz all der inter­na­tio­nalen Urteile, die gefällt wurden, negieren – und mit Behaup­tungen kommen wie ‹die anderen haben ja auch…› Wenn man schon den Vergleich macht, dann bitte richtig. In der Gegend um Srebrenica herum sind zwischen 1992 und 1995 660 serbische Opfer gefallen, von denen 500 als Soldaten registriert waren; 150 weitere Menschen waren zivile Opfer. Das Kriegs­ver­bre­cher­tri­bunal hat diese Zahlen bekannt­ge­geben. Ratko Mladic und seine barba­rische Horde haben am 11. Juli 1995 innert drei Tagen ein Massaker an 8’372 bosnia­ki­schen Zivilisten verrichtet. Die Welt konnte die Urteile mitver­folgen. Ich beklage einen Onkel, der in Srebrenica umgekommen ist.»

– Denis, 26 –

 

«Ist es wichtig, dass man Srebrenica am Gedenktag nicht vergisst? Für die direkt Betrof­fenen ist das sowieso nochmal eine ganz andere Situation. Krieg ist dreckig und nie fair, aber Ereig­nisse wie Srebrenica dürfen niemals vergessen werden. Nicht, um den Hass zu stärken, doch es sollte ein Andenken sein, dass so etwas nie wieder passieren darf! Ich denke, dass die Politiker und die Bevöl­kerung auf dem Balkan an schwarze Tage wie diese erinnert werden sollen. Ich weiss, wahrscheinlich ist es ein Wunsch­denken, schliesslich gibt es so viele Gedenktage für jede Menge Bullshit. Doch wenig­stens dieser hier sollte gegen Natio­na­lismus, Rassismus und gegen die Islamo­phobie stehen.»

– Shkelqim, 31 –

 

«Mein Mann ist Kriegs­flüchtling. Er kam als 15-Jähriger in einem LKW nach Deutschland. Wir und unsere Kinder kennen die Geschichte von Srebrenica. Mein Mann und unsere 18-jährige Tochter wollten dieses Jahr zum Friedens­marsch nach Bosnien. Leider ist der Flug aufgrund von Unwetter ausge­fallen und alle Folge­flüge sind ausge­bucht. Nächstes Jahr, Inshallah.»

– Agata, 39 –

 

Beschäf­tigen die Gescheh­nisse in Srebrenica auch dich? Schreib es in die Kommen­tar­spalte.

  1. Es ist schlichtweg eine Bildungs­lücke, noch nie etwas von Srebrenica gehört zu haben. Anderer­seits kann man den Leuten kaum daran Schuld geben, sondern wohl eher dem lücken­haften Bildungs­system und den Massen­medien, an denen das Thema vorbeigeht. Dabei ist Bosnien nicht einmal zwei Flugstunden von der Schweiz entfernt. Nach dem Massaker beteuerte ganz Europe «nie wieder!». Und jetzt weiss kaum einer, was da überhaupt geschehen ist. Es ist einfach nur traurig.

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