Community Rassismus

Rassismus in den Herkunfts-Communities – «Wir sind Opfer, doch wir sind auch Täter!»

Wer nicht wie ein Bio-Schweizer aussieht oder keinen typisch schweizerischen Namen hat, wird nicht selten Opfer von Rassismus. Doch wie sieht es mit Rassismus in unseren Herkunfts-Communities aus? Leser*innen erzählen.

Lejla, 31

«In unserer albani­schen Community hält man sich nicht für rassi­stisch sondern lediglich für patrio­tisch. Doch würden Tochter oder Sohn plötzlich mit einem oder einer Schwarzen auftauchen, würden alle durch­drehen. Was ist das, wenn nicht rassi­stisch? Vor allem jene, die auf religiös machen, sind hier inkon­se­quent, weil sie eine Doppel­moral verfolgen, weil insbe­sondere im Islam ganz deutlich kein Unter­schied zwischen Hautfarbe und Herkunft gemacht werden darf. Wo bleibt hier die Haram-Polizei?»

Aleks, 15

«Ich muss sagen, dass es in meiner Kultur (serbisch) einen gewissen Rassismus, insbe­sondere gegen Deutsche, Amis und öfters auch Muslime gibt. Unseren Eltern ist beigebracht worden, dass Muslime einer anderen Kultur angehören, was gröss­ten­teils gar nicht stimmt. Sie haben deswegen veraltete Ansichten und denken, dass alle Muslime bei der Al Quaida seien. Gegen die Deutschen gibt es Hass wegen der Nazis. Die Amis haben zur ‹Befreiung des Kosovos› bombar­diert und sind deswegen direkt alle abgeschrieben. Was mich am meisten stört, sind die ganzen Albaner-Serben-Diskus­sionen. Leute, ich weiss nicht, wer euch ins Hirn gekackt hat, aber vertragt euch endlich. Ich glaube, es gibt sowohl albanische wie auch serbische Eltern, die ihre Kinder zu radikalen Rassisten erziehen. So bin ich vor wenigen Tagen beispiels­weise aus dem Nichts als ‹Tschetnik› bezeichnet worden. Ganz allgemein sind die Erzie­henden das grosse Problem, nicht die Kinder.»

Alexa, 22

«In der Latinx-Community (Hispanics, Südamerika) ist Rassismus ein sehr komplexes Thema. Die Leute wider­sprechen sich selbst. Einer­seits gilt die Community als eine der offensten, die es gibt, anderer­seits als eine der konser­va­tivsten. In vielen dieser Länder dürfen Homose­xuelle z.B. heiraten, aber trotzdem ‹gehört es sich nicht› gay zu sein. Schwarz-Sein wird von vielen als Armuts­zeugnis gesehen, obwohl gefühlte 90 Prozent der Bevöl­kerung schwarz sind und unsere Kultur vor allem auf jener der damaligen Sklaven basiert. So sind viele gegenüber Schwarzen zwar nicht direkt rassi­stisch, aber Weiss-Sein gilt trotzdem als besser. Bist zu jedoch zu weiss, giltst du wiederum als ‹Gringa/o› – so werden die Weissen böse bezeichnet. Um ein Beispiel aus meiner Familie zu nennen: Mein bester Freund ist Schwarz und meine Latina-Mama liebt ihn, als wäre er ihr eigener Sohn. Sie würde nie etwas Rassi­sti­sches sagen und ist auch keine Rassistin. Aber kürzlich erwähnte ich, dass ich auch schwarze Männer attraktiv finden würde (bisher hatte ich nur weisse Freunde), und sie meinte erstaunt: ‹Das könnte ich nicht. Warum willst du das? Würdest du das nicht komisch finden?› Das sind klar rassi­stische Aussagen – von einer Frau, die eigentlich nicht rassi­stisch sein will. Wie geht das?»

Vamz, 28

«Bei den Tamilen gibt es zwei Probleme: Das Kasten­system und die Hautfarbe. Es gibt immer noch viele Leute, die in Kasten denken und ihren Kindern nicht erlauben, in andere Kasten hinein­zu­hei­raten. Anderer­seits gilt weisse Haut schöner als dunkle Haut, auch wenn du Tamile bist. D.h. ein heller Tamile ist schöner als ein dunkler Tamile. Das geht so weit, dass es Weissmach-Crèmes gibt, die von hellhäu­tigen Bollywood-Stars vermarktet werden. Und jetzt kommt das Beste: Es gibt auch den umgekehrten Rassismus: Ich kenne kaum tamilische Eltern, die so kulant sind zu erlauben, dass man einen weissen Freund oder eine weisse Freundin hat, geschweige denn diese heiratet. Das ist ein No-Go und gilt als Zeichen einer schlechten Erziehung.»

 Weiblich, 28

«Ich bin Kosovarin und habe beobachtet, dass vor allem albanische Männer es nicht gern sehen, wenn albanische Frauen einen Nicht-Albaner daten (egal ob schwarz oder nicht). Das kratzt sehr an ihrem Stolz. Es ist eine männer­do­mi­nierte Kultur, und die Frauen wehren sich endlich dagegen, doch das ist mit vielen Problemen verbunden. Ich werde auch oft blöd angemacht, weil mein Freund Nicht-Albaner ist. Und das ausschliesslich von Männern!»

Fatime, 24

«Was mich am meisten stört, sind Muslime, die rassi­stisch sind. Denn der Prophet Muhammad hat gesagt: ‹Kein Araber ist besser als ein Nicht-Araber und kein Nicht-Araber ist besser als ein Araber. Kein Schwarzer ist besser als ein Weisser und kein Weisser ist besser als ein Schwarzer, die Menschen sind alle gleich.›»

Sinem, 16

«In meiner türki­schen Familie ist Rassismus ein sehr kriti­sches Thema. Meine Eltern benehmen sich ziemlich rassi­stisch, als wären wir Türken die besten, was mich nervt. Klar ist es schön, seine eigene Natio­na­lität zu mögen und stolz darauf zu sein, aber andere Nationen deswegen runter­zu­machen ist ein absolutes No-Go. Vor allem gegenüber Ostasiaten oder Weissen sind sie negativ einge­stellt. Und jedes Mal, wenn ich sie darauf hinweise, dass sie in diesem Moment rassi­stisch seien, sehen sie es als Belei­digung und sind verletzt, dass ich sie so genannt habe. Klar ist es nicht bei jeder türki­schen Familie so, aber Rassismus ist bei uns schon ziemlich präsent.»

Niki, 29

«Als ich (aus einem kroati­schen Haushalt) 15 Jahre alt war, hatte ich mal Kollegen mit albani­scher Herkunft zuhause zu Besuch. Als sie gegangen waren, ist mein Vater total ausge­rastet, warum ich ‹Shipis› ins Haus lassen würde. Das ist irgendwie typisch kroatisch. Alles, was nicht kroatisch und/oder katho­lisch ist, wird verstossen. Das wird einem so einge­trichtert. Es ist für einen Menschen schwierig, das wieder loszu­werden, und ich habe sehr lange dazu gebraucht. Jetzt lebe ich nach dem Motto: Bist du nett zu mir, bin ich nett zu dir.»

Weiblich, 26

«In der albani­schen Community werden Roma extrem diskri­mi­niert. Sie sind seit Jahrhun­derten da, werden jedoch behandelt wie Fremde. So sehr, dass sie sich sogar oft nicht trauen zu sagen, dass sie zu dieser Gruppe gehören. Im Kosovo wird das Wort ‹Magjup› wie ein Schimpfwort benutzt. Diese Sterne auf der Flagge, die für die Minder­heiten stehen, sind ja süss, aber die Leute sollten lieber mal ihr System unter die Lupe nehmen und sich als Bevöl­kerung bilden.»

Zarina, 44

«Die Aussage, dass gebildete Menschen weniger rassi­stisch seinen, stimmt nicht. Die Führung der SVP und AFD sind gebildet. Der Rassismus von gebil­deten Menschen ist gefährlich, denn sie leiten die Menge der ‹Ungebil­deten›. Ich erlebte den Rassismus meistens von gebil­deten Menschen und dies thema­ti­siere ich auch in meinen Theater­stücken und Stand-up-Auftritten. Rassismus ist überall verbreitet, unabhängig von der Natio­na­lität oder vom Bildungs­stand. Er entsteht, wenn man sich oder seine Herkunft, seinen Stand oder seine Nation höher stellt. So kenne ich Leute, die zwar bei der Black-Lives-Matter-Bewegung via Facebook mitmachen, aber selber doch nicht bereit sind, ihre Kinder in eine Schule mit Ausländern zu schicken.»

Jelena, 26

«Ich bin Serbin aus Bosnien und vieles ist schon gesagt worden. Was ich gern hervor­heben würde, ist der Hass gegen die Roma bei uns. Ich habe das schon als Kind mitbe­kommen. Durch das ‹othering› sind die Roma einfach total entmensch­licht worden und ich musste selbst an mir arbeiten, um dieses Bild in meinem Kopf zu ändern. Das Thema wird auch nie angesprochen. Es ist einfach normal, dass die Roma so krass leiden, benach­teiligt sind und Gewalt in jeglicher Art erfahren. Ausserdem haben meine Eltern zwar nie etwas gegen musli­mische Bosnier oder Kroaten gesagt, aber bei Albanern haben sie plötzlich ganz viele Argumente ausge­packt, die ganz klassisch zur rassi­sti­schen Rhetorik gehören: ‹Die vermehren sich wie gestört, deswegen übernehmen sie Serbien. Sie sind barba­risch mit ihren konser­va­tiven Wertvor­stel­lungen…› Serbinnen und Serben, hört auf mit dem Scheiss!»

Weiblich, 33

«Ich bin ursprünglich aus dem Kosovo, bin aber in der Schweiz aufge­wachsen. In unserer Familie gibt es mehrere Männer, die Frauen mit einer jeweils anderen Herkunft gehei­ratet haben (Deutsche, Englän­de­rinnen, Domini­ka­ne­rinnen, Spanie­rinnen usw.). Am Anfang stiessen sie auf wenig Verständnis und hinter ihrem Rücken lästerte man über sie. Schluss­endlich haben es aber alle akzep­tiert und es ist kein Thema mehr. Ich bin aber überzeugt, dass ein grosses Donner­wetter auf uns zukommen wird, wenn die Frauen in meiner Familie beginnen, mit anderen Natio­na­li­täten zusam­men­zu­kommen und diese Bezie­hungen auch offiziell machen. Meine Familie ist noch weit davon entfernt, allen Menschen gegenüber, egal welcher Herkunft oder Religion sie zugehören, tolerant und respektvoll zu sein, und das liegt sicherlich auch an mangelnder Bildung. Was mir weiter auffällt, ist, dass unsere jüngere Generation teilweise noch weniger tolerant ist als die ältere Generation. Das finde ich persönlich sehr schockierend. Sehr viele sind rassi­stisch einge­stellt.»

Natalija, 27

«Ich muss sagen, es ist sehr schwer. Meiner Meinung nach ist jener Teil Serbiens, aus dem ich stamme, extrem rassi­stisch. Ich habe es selbst zu spüren bekommen, als ich mit meinem Ex zusammen war, einem Türken und Moslem. Meine halbe Familie hatte sich deswegen von mir abgewandt, mein Vater war der einzige, der zu mir gestanden ist, obwohl seine Familie ziemlich rechts einge­stellt ist. Dann wiederum leben in Belgrad ganz viele Muslime, Albaner und Schwarze. In Belgrad geht das, aber im Rest des Landes irgendwie nicht – wenn du da nicht serbisch bist, wirst du angeschaut, als ob du von einem anderen Planeten kommst.»

Gabriela, 21

«Rassismus in der albani­schen Kultur ist ein sehr heikles Thema. Als Migranten in einem fremden Land erleben wir eine tägliche Portion von Diskri­mi­nierung und Rassismus, an den wir uns (und vor allem die Generation vor uns) schon fast ein wenig gewöhnt haben. Dieser trifft uns jedoch immer noch stark und wir werden oft als anders oder weniger wert angesehen. Vor allem als jemand aus der neuen Generation ist es hart, dass man oftmals in die Klischee-Box der Vorgänger gesteckt wird. Viele dieser Diskri­mi­nie­rungen übernehmen wir jedoch selbst genauso, denn viele Albaner diskri­mi­nieren und schauen auf andere Nationen bzw. Religionen herab und betrachten sich als etwas Besseres. Auch wenn das selbst­ver­ständlich nicht für alle gilt. Mein Fazit ist: Ja, wir sind Opfer des Rassismus, doch wir sind auch Täter. Es darf auch für uns keinen Freipass in Bezug auf Rassismus geben. Wenn wir akzep­tiert werden wollen, müssen wir auch andere akzep­tieren.»

Hast du in deiner Herkunfts-Community auch schon Rassismus beobachtet? Erzähle uns in der Kommen­tar­spalte davon.

 

  1. Danke für den Artikel. Nun finde ich als Migrant, dass es in der Schweiz kaum Rassismus gibt. Dass die Einhei­mi­schen bevorzugt behandelt werden, das finde ich ganz normal. Den grössten Rassismus hab ich in meiner eigenen Community (shipi) erlebt. Deswegen sag ich immer, wenn die Welt nur halb so tolerant wäre, wie die Schweizer/innen, dann hätten wir keine Probleme. Deswegen fand ich den Artikel so gut, da man ehrlich reflek­tiert und sich an die eigene Nase packt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.