Blog Papierlischweizerin

Die Schoggistrasse oder warum mein Vater jeden Sommer das Auto anflucht

Jedes Mal läuft es genau gleich ab. Und doch muss jedes Mal alles akribisch genau geplant werden. Die Ferien dunne. Unsere Autorin erzählt.

Es beginnt Ende April. Meine Mutter, die Brille auf der Nasenspitze balencierend, setzt sich mit ernster Miene an den Küchentisch und fängt an zu blättern. Ihre Zielobjekte sind klar: Boncampo Kaffee, Spruso Bonbons und Schokolade geschmückt mit einem fetten Rabatt. Über die nächsten Wochen wird sie, der Spur der Ermässigungen folgend, einen kleinen Berg an Lebensmitteln in unserer Waschküche anhäufen. Bis Ende Juli werden wir noch einige Male über ihn stolpern. Socken, die von der Leine fallen, werden im Tütenmeer auf immer verschwinden.

Nein, wir bereiten uns nicht auf den Untergang der Welt vor, sondern auf Ferien dunne. Die Sommerferien in der zweiten Heimat sind nämlich ein Ritual. Durchgetaktet wie bei einem Staatsbesuch, werden wir uns in korrekter Reihenfolge von Tante zu Tante bewegen. Immer dabei ein unscheinbarer Plastiksack, der seit 50 Jahren dieselben Geschenke enthält: Schweizer Kaffee und Schoggi.

Obwohl es in Südosteuropa mittlerweile überall globalisierte Supermärkte gibt, werden sich die Autobahnen Richtung Balkan auch dieses Jahr wieder in Schoggistrassen verwandeln. Das muss so sein, weil man im Osten fest davon überzeugt ist, dass Markenprodukte «im Westen» einfach irgendwie besser sind. Die EU-Kommission veröffentlichte Ende Juni sogar einen Bericht, um das «Lebensmittel-Rassismus» Vorurteil endgültig aus der Welt zu schaffen. Zum Glück wird meine Verwandtschaft keine Zeit damit verschwenden, diesen 500 Seiten starken Rapport zu lesen – glauben würden sie ihn schliesslich eh nicht.

Nein, wir bereiten uns nicht auf den Untergang der Welt vor, sondern auf Ferien dunne.

Und weil uns das Privileg, in der Schweiz zu leben, im Nacken sitzt, nehmen wir die Verschwörungstheorien hin und erfüllen Sonderwünsche. Schleifpapier, Nylonstrümpfe und Aftershave gehören da noch zum Standardprogramm. Damit wir dieser familiären Pflicht nachkommen können, bedarf es gründlicher Recherche und darum brütet meine Mutter eben schon im Frühling über der Denner Woche und dem Otto’s Prospekt, immer auf der Suche nach dem heiligen Gral: Die zusammengeschweisste Zehnerpackung Milchschokolade mit Haselnüssen.

Bis die letzte Bestellung erfüllt ist, wird die Situation in der Waschküche besorgniserregende Masse angenommen haben. Aber weil mein Vater kein häufiger Gast dieses Ortes ist, wird er – wie jedes Jahr – das Desaster erst am Abend vor der Abfahrt entdecken. Unsere Koffer mit den Kleidern werden bequem Platz haben und mein Vater wird zufrieden und mit kindlichem Triumph seinen Sitz etwas nach hinten lehnen, doch dann wird meine Mutter die Türe zur Waschküche öffnen und…

Er wird schwören, dass er sich das nie wieder antut. Es soll das allerletzte Mal gewesen sein.

Was mit akribischer Organisation und ordentlichen Schoggitürmen anfing, wird sich innert Minuten in reines Chaos verwandeln. Die ersten zehn Kilo Kaffee wird er noch mit einem Seufzen auf den Rücksitz stellen, doch mit jeder Packung Damenbinden, die er zwischen unsere Schuhe drücken muss, wird mein Vater ein neues Schimpfwort erfinden. Bis sich die Heckklappe über der grotesken Mischung von Geschenken wird schliessen lassen, wird das Lieblingspferd Gottes einige kuriose Abenteuer unternommen haben. «Jebiga», wird er sagen, «immerhin darf deine Tante weiterhin allen erzählen, dass sie mit Schweizer Lenor wäscht!». Er wird schwören, dass er sich das nie wieder antut. Es soll das allerletzte Mal gewesen sein. Wirklich!

Einige Monate später, während das Champions League Halbfinale meinen Vater hypnotisiert, wird meine Mutter die Werbung aus dem Briefkasten nehmen, ihre Cumulus-Bons sortieren und erneut mit der Ferienplanung beginnen.

Mit wenig Gepäck doch umso grösseren Träumen kamen die Eltern unserer Autorin einst aus dem Balkan in die Schweiz. Sie packt nun darüber aus, was es bedeutet, zwischen Nutella und Eurocrem aufzuwachsen, mit Turnschuhen wandern zu gehen, oder den Verwandten dunne zu erklären, warum sie sich für ein Leben ohne Ćevapčići entschieden hat.

 

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