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«Als Frau im Asylzentrum ist es der Horror» — Warum Frauen im Schweizer Asylsystem nicht sicher sind

Geflüchtete werden in Gedanken oft mit Männern gleichgesetzt. Darüber, was es bedeutet, einem Asylsystem ausgeliefert zu sein, das nicht für Frauen gemacht ist.

Zwei Drittel der geflüch­teten Menschen in der Schweiz sind Männer, ein weiteres Drittel sind Frauen. Frauen werden aller­dings oft vergessen – von den Medien, von der Gesell­schaft und dem Asylsystem. Wer quasi unsichtbar ist, erhält auch viel weniger Unter­stützung, und ist einem Asylsystem ausge­liefert, das nicht für Frauen gemacht ist.

«Das Schweizer Asylsystem wurde von Männern für Männer gemacht», sagt Angela Pertinez, Kommu­ni­ka­ti­ons­be­auf­tragte von TERRE DES FEMMES Schweiz. Ich treffe sie für das Interview in der Geschäfts­stelle der Organi­sation in Bern. Am Eingang hängen bunte Fahnen, Angela und Zeynep erwarten mich gemeinsam im Büro. Sie wirken vertraut und scheinen sich schon länger zu kennen. Angela hat Zeynep zum Interview einge­laden, damit diese von ihren persön­lichen Erfah­rungen als geflüchtete Frau erzählen kann. Wir setzen uns in eine Sofaecke. Es ist schon nach Feier­abend, im Büro ist es still. Schnell kommen wir zum Thema, ich merke, dass es beiden Frauen am Herzen liegt, über die Situation von geflüch­teten Frauen zu sprechen.

«Frauen wurden und werden im Asylwesen einfach nicht mitge­dacht.»

In den 1950er Jahren, erklärt Angela, seien viele politische Geflüchtete in die Schweiz gekommen, fast nur Männer. In diesem Zusam­menhang sei das Asylsystem entstanden. «Den Bedürf­nissen von geflüch­teten Frauen wird es deshalb heute überhaupt nicht gerecht.» Noch immer sei die Mehrheit der Geflüch­teten männlich und so sei auch das Bild eines Flücht­lings männlich geprägt. Zwar wurden 1998 frauen­spe­zi­fische Flucht­gründe ins Asylgesetz aufge­nommen. Damit wurde anerkannt, dass Frauen in vielen Ländern aufgrund ihres Geschlechts verfolgt werden. In der Praxis sehe dies aber ganz anders aus. «Frauen wurden und werden im Asylwesen einfach nicht mitge­dacht», sagt Angela. An ihren klaren Ausfüh­rungen merke ich, dass sie diese Dinge nicht zum ersten Mal sagt. Dann schaut sie ermutigend zu Zeynep.

«Asylzentren sind nur für Männer gemacht», pflichtet Zeynep ihr bei, «als Frau ist es der Horror». Zeynep Yilmaz ist aus der Türkei in die Schweiz geflüchtet. Seit viereinhalb Jahren lebt sie in der Schweiz, ihr gutes Deutsch beein­druckt mich. Zeynep lebte bisher in drei Asylzentren. Als ich sie frage, ob sie als Frau schon mal einer schwie­rigen Situation ausge­setzt gewesen sei, beginnt Zeynep zu erzählen. Sie spricht schnell und bewegt, unter­bricht sich und sagt: «Ich bin nervös.» Dann beginnt sie von vorne, erzählt vom Badezimmer im Asylheim. «Während wir gebadet haben, sind die Männer gegenüber vom Eingang gesessen und haben zugeschaut. Eigentlich müsste dort ein Securitas aufpassen, aber ich habe nie einen gesehen.» Nichts habe die Frauen und ihre Privat­sphäre geschützt. «Ich habe es mir ganz, ganz anders vorge­stellt. Ich war im Asylzentrum und ich wurde dort trauma­ti­siert. Ich kenne viele Frauen, denen es auch so geht», sagt Zeynep.

«Wir hören von vielen verschieden Frauen, dass sie sich nicht sicher fühlen», unter­stützt Angela Zeyneps Aussage. «Und aus einer Fachper­spektive müssen wir sagen, sie sind es auch nicht.» Darum betreibt TERRE DES FEMMES Schweiz eine Kampagne, in der die Organi­sation auf die fehlende Sicherheit von Frauen und Mädchen im Schweizer Asylsystem aufmerksam machen will. Gefordert werden sichere Asylun­ter­künfte, obliga­to­rische Schulungen für alle Mitarbeiter*innen im Asylbe­reich und eine Pflicht zur Gewalt­prä­vention.

«Wir sind Menschen, aber ich habe mich nicht wie ein Mensch gefühlt.»

«Frauen werden doppelt trauma­ti­siert», sagt Zeynep bestimmt. Einer­seits leiden sie unter den allge­meinen Zuständen im Asylheim, welche grund­sätzlich nicht einfach sind. Geflüchtete Menschen leben während des Asylpro­zesses auf engem Raum zusammen, entweder in Bundes­asyl­zentren oder kanto­nalen Kollek­tiv­un­ter­künften. Oft schlafen bis zu zehn Menschen in einem kleinen Zimmer. Zeynep habe sich im Bundes­asyl­zentrum wie in einem Lager gefühlt. «Die Angestellten waren unfreundlich», erinnert sie sich und wirkt so, als würde ihr bei dem Gedanken kalt werden. «Wir sind Menschen, aber ich habe mich nicht wie ein Mensch gefühlt.»

Eine unbekannte Umgebung, eine fremde Sprache – Frauen gehen mit solchen Erfah­rungen oft anders um als Männer. Oft würden sie sich zurück­ziehen und kaum nach draussen gehen, erklärt Angela Pertinez. «Viele Frauen sind es leider gewohnt, keine eigene Stimme zu haben. Darum bräuchten sie hier noch viel mehr Unter­stützung, um ihre Bedürf­nisse äussern zu können», so Angela Pertinez weiter.

«Ich wusste nicht, an wen ich mich mit meinen Problemen wenden sollte.»

Fehlende Übersetzung sei eines der Kernpro­bleme, da sind sich Zeynep und Angela einig. Auf die Frage, welche Unter­stützung Zeynep am meisten gebraucht hätte, sagt sie, dass man ihr zuhört. «Ich wusste nicht, an wen ich mich mit meinen Problemen wenden sollte.» Es fällt mir schwer, mir Zeynep in einer so hilflosen Situation vorzu­stellen. Bestimmt streicht sie sich eine schwarze Strähne aus dem Gesicht und scheint sich einer Sache sicher zu sein: Sie hat die gleichen Rechte wie jeder andere Mensch auf der Welt. Sie drückt sich sehr verständlich aus, auch wenn sie immer wieder nach den richtigen Worten suchen muss. Und manchmal wirkt sie frustriert, fast so, als wollte sie noch viel mehr sagen, wenn ihr die Worte besser gehorchen würden.

Doch Zeynep braucht längst keine Übersetzung mehr. Mittler­weile ist sie seit fast fünf Jahren in der Schweiz, die Menschen in den Bunde­asyl­zentrum oft erst seit wenigen Wochen oder Monaten. Dass sie kaum Deutsch sprechen, ist klar. Eigentlich bräuchte es immer Übersetzer*innen vor Ort, diese fehlen aber oft. «Vielleicht», sagt Zeynep Yilmaz nachdenklich, «passiert in den Asylzentren noch viel mehr Schlimmes, aber darüber spricht niemand, weil es ja keine Übersetzung gibt».

«Vielleicht passiert in den Asylzentren noch viel mehr Schlimmes.»

Neben den grund­sätzlich schwie­rigen Bedin­gungen in den Asylzentren sind geflüchtete Frauen auch sexua­li­sierter Gewalt ausge­setzt. TERRE DES FEMMES Schweiz geht davon aus, dass jede Frau auf ihrer Flucht sexua­li­sierte Gewalt erlebt hat. Jede Frau. Obwohl mir diese Einschätzung nicht neu ist, schüttelt es mich innerlich. Diese Gewalt endet nicht an der Schweizer Grenze.

Männer und Frauen leben in den Asylzentren auf sehr engem Raum zusammen, aus dem Weg gehen können sie sich kaum. «Viele Männer haben mich gefragt, ob ich etwas mit ihnen trinken gehen will, oder essen, vielleicht einen Spaziergang machen», erzählt Zeynep. «Sie sagen, sie wollen uns Frauen unter­stützen, aber das ist nicht die Wahrheit. Sie wollen auch etwas zurück­be­kommen. Viele Männer denken, eine Frau, die alleine ist, sei zu allem bereit.» Während sie das sagt, wirkt Zeynep wütend. Es sind aber nicht nur die geflüch­teten Männer, mit denen die Frauen umgehen müssen – auch die meisten Mitar­bei­tenden in den Asylzentren sind Männer.

«Viele Männer denken, eine Frau, die alleine ist, sei zu allem bereit.»

Zeynep fühlte sich in vielen Alltags­si­tua­tionen unwohl. Es scheint ihr nicht leicht­zu­fallen, über diese Erfah­rungen zu sprechen. Trotzdem erzählt sie weiter. So musste sie sich jeden Tag in einer Schlange für das Essen anstellen. Als eine der wenigen Frauen unter vielen Männern war ihr diese Situation unangenehm. Darum hatte sie immer ein Buch dabei.

«Aber einmal», so Zeynep, «habe ich nicht gelesen, sondern mit einer anderen Frau gewartet. Wir haben mitein­ander geredet und sind ein bisschen ausserhalb der Schlange gestanden, da fühlten wir uns sicherer. Plötzlich kam ein Securitas-Angestellter, leuchtete mir mit dem Laser in die Augen und sagte: ‹Geht in die Schlange oder gebt mir euren Ausweis!› Ich habe eine Überset­zerin verlangt, wollte erklären, warum ich nicht in der Schlange stehe. Aber sie haben mich nicht ernst genommen. Sie haben zwei Tage lang meinen Ausweis behalten und ich durfte nicht nach draussen gehen – weil ich nicht in der Schlange gestanden bin. Ich hatte das ja nur gemacht, weil es mir unangenehm war, mit all diesen Männern in der Schlange zu stehen.» In Zeyneps Stimme schwingt Entrü­stung über die Strafe mit.

Zeynep konnte sich damals nicht ausdrücken, weil eine Übersetzung fehlte. Aber selbst eine Übersetzung garan­tiert nicht, dass jemand sie verstanden hätte. «Securitas, Zentrums­ärzte und Übersetzer sind meist Männer. Eine Schulung zu Gender ist nicht obliga­to­risch», sagt Angela Pertinez. Darum sei es für viele Angestellte schwierig nachzu­voll­ziehen, was die Probleme der Frauen seien und warum es unangenehm sein könnte, mit so vielen Männern in einer Schlange zu stehen. «Deshalb fordern wir, dass alle Mitarbeiter*innen im Asylbe­reich Schulungen zu Gender­themen besuchen müssen», so Angela Pertinez.

«Der Bund äusserte sich das erste Mal zum Thema – das ist schon ein Fortschritt.»

Die Forde­rungen von TERRE DES FEMMES Schweiz bleiben nicht ungehört. So beantragte die SP-Nation­anal­rätin Yvonne Feri eine Analyse der Situation von geflüch­teten Frauen in der Schweiz. Dieser Antrag wurde im März 2017 vom Natio­nalrat angenommen, 2018 wurden die entspre­chenden Daten erhoben. Es wurden zwei Analysen durch­ge­führt, die Bundes­asyl­zentren wurden vom Staats­se­kre­tariat für Migration (SEM) unter die Lupe genommen, die Kantons­zentren vom Schwei­ze­ri­schen Kompe­tenz­zentrum für Menschen­rechte.

Beide Berichte erkennen, dass es Verän­de­rungen zugunsten der Frauen geben muss, aller­dings fällt der Bericht zu den Kantons­zentren viel kriti­scher aus als jener zu den Bundes­asyl­zentren. Ich frage, woran das liegt. «Das SEM hat seine Asylzentren selbst evaluiert. Es ist klar, dass sie nicht alles, was sie selbst machen, als schlecht beurteilen können», so Angela Pertinez. Dies sei alles andere als wissen­schaftlich und stark zu kriti­sieren. Trotzdem sei es ein Fortschritt, dass der Bund diesen Bericht in Auftrag gegeben habe, denn es sei das erste Mal, dass er sich überhaupt zum Thema äussere, so Angela Pertinez weiter.

Erste Schritte in Richtung sicherere Asylzentren sind schon passiert, sagt Angela Pertinez. Einfache Instal­la­tionen wie Licht­sen­soren oder Blick­schutz vor den Badezimmern wurden als erstes in Angriff genommen – und bereits sie verändern das Sicher­heits­gefühl der Frauen. Trotzdem ist der Handlungs­bedarf auf weniger offen­sicht­lichen Ebenen, wie etwa Schulungen zu Gender und ausrei­chende Übersetzung, immer noch gross.

Ich frage Zeynep, was sonst noch verändert werden müsste, damit sie sich sicherer fühlt. Sie wünscht sich keine getrennten Gebäude oder aufwän­digen Infra­struk­tur­mass­nahmen, sondern mehr Respekt und mehr Platz für alle. Diese Antwort gibt sie, als wäre es das Selbst­ver­ständ­lichste überhaupt. Sollte es ja eigentlich auch sein, denke ich mir.

«Wir sind mehr als die Schlag­zeilen in den Zeitungen.»

Mittler­weile lebt Zeynep Yilmaz in einer Wohnge­mein­schaft. Hier fühlt sie sich sicher und bekommt Unter­stützung, wenn sie welche braucht. Sie betont aber auch, dass viele geflüchtete Menschen nicht so gute Chancen hätten wie sie selbst. Zeynep ist gebildet und ist sich ihrer Rechte bewusst. Sie kann für sich selbst einstehen und die Sprache ist für sie mittler­weile kein Problem mehr. Das ist ein Privileg, über dass viele geflüchtete Frauen nicht verfügen.

Die ersten Massnahmen für sicherere Asylzentren wurden umgesetzt, trotzdem ist der Weg noch lang. Die Bedürf­nisse von geflüch­teten Frauen müssen ernst genommen werden, ein paar Licht­schalter in dunklen Gängen reichen da nicht aus. Der Bund und die Asylzentren müssen Massnahmen zu mehr Sicherheit ergreifen, doch was können wir als Gesell­schaft dazu beitragen? «Mit Fremden sprechen. Oder ihnen zuhören. Oder ein Asylzentrum besuchen», lautet Zeynep Yilmaz’ Antwort. «Wir sind mehr als Krieg und mehr als politische Probleme. Die Menschen sollten sich selbst fragen: Wie viele Fremde kenne ich? Wie viele Türk*innen, Kurd*innen, Syrer*innen? Wir sind mehr als die Schlag­zeilen in den Zeitungen.»

 

  1. Man sollte Frauen bewaffnen um sich vertei­digen zu können und nicht Männer, damit sie Kriege führen. Die Schwächsten der Schwachen schaffen es eh nie bis nach Europa — deswegen ist der durch­schnitt­liche Flüchtling ein Mann. Danke für den Beitrag.

  2. Zuerst einmal vielen herzlichen Dank an alle Betei­ligten, welche zu diesem eindrück­lichen Artikel beigetragen haben. Ich bin Baba News wirklich dankbar, dass solche Schicksale thema­ti­siert werden.

    Nur ein kurzer Blick in die Zeitung von heute lässt mich fragen, was mit den heutigen „Journa­listen“ falsch läuft. An dieser Stelle ein kleines Beispiel aus 20 Min. „Dominique Rinder­knecht lanciert eine Challenge und lässt ihre Achsel­haare spriessen. Ziel dieser Aktion soll sein, Menschen auf Gende­re­quality aufmerksam zu machen“.

    Ich als Mann bin der Meinung, dass viele Männer solche Aktionen nicht ernst nehmen können und auch niemals werden. Im Gegenteil – MANN schüttelt nur den Kopf und nimmt sich vor, nie wieder einen Artikel über Dominique zu lesen. Auch wenn der Inhalt nächstes Mal etwas Weltbe­we­gendes wäre. Irgendwie traurig, oder?

    Ein Artikel wie eurer, welcher viel tiefgrün­diger und reali­täts­naher ist, ist meines Erachtens viel zielfüh­render und sinnvoller, um Menschen auf die Gender­pro­ble­matik in den verschie­denen Bereichen unseres Lebens aufmerksam zu machen.

    Besten Dank nochmals und macht weiter so!

  3. Danke für den eindrück­lichen Artikel. Ich werde mein bestes tun um etwas zu helfen damit diese Situation besser wird!

  4. super artikel, danke!

  5. Fisnik

    Spannender Artikel, danke für den Einblick! Ich hoffe, die Politik schenkt diesem Thema in Zukunft mehr Aufmerk­samkeit.

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