Allgemein

Und alle wollen wissen: «Ist es schwarz?»

Seit der Geburt ihres Sohnes wurde unsere Redaktorin etliche Male von Fremden auf dessen Hautfarbe angesprochen. Zur Nationalität und Herkunft seines Vaters befragt. Darf man das?

«Isch’s en Afrikaner?» Eine ältere Dame mit strengem Zopf und Hornbrille bohrt ihr Gesicht in den Kinder­wagen meines Sohnes.  «Wie bitte?», frage ich verdutzt und schiebe den Kinder­wagen ein Stück weit von ihr weg. «Isch’s en Schwarze?», doppelt sie in breitem Berndeutsch nach und betont dabei jede Silbe ihrer Frage. Einige der Wartenden an der Busstation drehen sich nach uns um und schauen uns irritiert an. Ich versuche mich abzuwenden, doch die Frau lässt nicht locker: «Ich bin keine Rassistin, ich würde nur gern wissen, woher es kommt.» Einen kurzen Augen­blick lang ringe ich mit der Versu­chung, «es kommt aus mir», zu sagen, doch dann lasse ich es und ignoriere sie. Sie mich nicht.

Statt­dessen fängt sie an zu erzählen, wie sie früher «Kindern aus Afrika», geholfen habe und heute ein «afrika­ni­sches Mädchen» bei den Hausauf­gaben unter­stütze. Dann ein letzter, verzwei­felter Versuch: «Ist es ein Ausländer?» «Ja», antworte ich entnervt, «so wie ich auch». Sie schaut mich verdutzt an. «Ja? Sie sind ja blond und haben grüne Augen.» Noch nie in meinem Leben war ich so glücklich darüber, den nahenden Bus zu sehen.

«Ich bin keine Rassistin, ich würde nur gern wissen, woher es kommt»

Mit meinen grünen Augen, meinem blonden Haar und meinem blassen Teint – mein bosni­scher Gross­vater witzelte, dass ich mich im Keller sonnen würde – hätte ich in jeder Doku über Emmenthaler Schau­kä­se­reien mitwirken können. Wäre ich ein Mann, wäre ich der Nick Carter jeder Boyband. Rassismus habe ich aufgrund meines Aussehens daher nie erlebt. Doch seit mein Sohn auf der Welt ist, ist Hautfarbe ein Thema. «Woher kommt der Vater? Welche Natio­na­lität hat er?» Das Interesse an meinem Sohn empfand ich zunächst als schön. Doch schon sehr bald wurde es zu persönlich. Wie das erste Mal im Baby-Yoga.

Eine Mutter, die ihre Yogamatte neben mir ausge­breitet hatte, starrte unentwegt auf meinen Sohn. Nachdem wir unsere Kinder auf den Matten vor uns platziert hatten, beugte sie sich zu mir rüber und flüsterte verschwö­re­risch: «Ihr Sohn hat eine wunder­schöne Haut.» «Danke, die hat er von mir», antwortete ich. Sie lachte laut heraus, als hätte ich ihr einen guten Witz erzählt. Dann meinte sie, man könne auf den ersten Blick sehen, dass der Vater Inder sei. Ich versuchte, mich auf meine Atmung zu konzen­trieren, doch sie fuhr unbeirrt fort: «Dann hat er das bestimmt im Blut. Yoga, meine ich.» Sie lächelte mich an. Nicht wirklich, dachte ich mir, sein Vater ist so gelenkig wie ein Brech­eisen. Doch ich sagte nichts.

«Ihr Sohn hat eine wunder­schöne Haut»

«Wenn er gross ist, wird er bestimmt schön singen und tanzen können», sie blickte mich erwar­tungsvoll an und ich lächelte schief zurück. Dann fuhr sie fort: «Ah und kochen, kochen wird er können!» Ich schwieg und hoffte, dass die Yogastunde bald zu Ende gehen würde, doch ein Blick auf die Uhr verriet, dass erst zehn Minuten vergangen waren.

Den Rest der Zeit erzählte sie mir von ihren unzäh­ligen Reisen durch Indien, wie unhöflich doch die Männer und wie zufrieden die Kinder seien, obwohl sie doch nichts hätten. Ich nickte nur. Indien kannte ich nur aus Erzäh­lungen und Dokumen­tar­filmen. Und von Leuten, die von vielen Menschen sprachen, als sei es nur ein einziger, habe ich nie viel gehalten. Seither besuche ich einen Online-Yogakurs.

«Wer entscheidet, was für andere diskri­mi­nierend ist?»

«Du bist definitiv zu empfindlich», meinte neulich eine Freundin, als ich ihr von meinen Erleb­nissen erzählte. «Die meinen das ja nicht rassi­stisch». «Kann sein», murmelte ich. «Aber wer entscheidet, was für andere diskri­mi­nierend ist?» Wenn ich schon über seine Hautfarbe ausge­fragt wurde – wie würde es dann später erst meinem Sohn ergehen? Welche Vorur­teile würde er aufbrechen müssen?

Meine Freundin ist blond und hat grüne Augen, wie ich. Wir beide stammen ursprünglich aus Ex-Jugoslawien. Rassismus haben wir beide erlebt, aber nie aufgrund unseres Aussehens. «Oder wann wurdest du das letzte Mal von Unbekannten gefragt, ob du mit dem Vater deines Kindes zusam­men­lebst? Seit wann er in der Schweiz lebt? Ob er Deutsch spricht und Hindu oder Muslim ist?», fuhr ich fort. «Du hast schon recht», besänf­tigte mich meine Freundin. «Du musst nichts dazu sagen. Oder du könntest mit Gegen­fragen kontern, und ihnen so den Spiegel vorhalten. Oder mit Sarkasmus antworten. Das nächste Mal, wenn dich jemand nach dem Vater fragt, sagst du einfach, dass du es nicht wüsstest.» Wir lachten beide, obwohl es nichts zu lachen gab.

«Man müsste mit Gegen­fragen oder Sarkasmus kontern»

Das Thema, woher jemand «wirklich» kommt, scheint ungemein an Interesse gewonnen zu haben. Als ob man sich seine Natio­na­lität ernsthaft aussuchen könne. Ich selbst hätte es mir in diesem Fall deutlich einfacher gemacht, als ein kroatisch-serbisch-bosni­scher Cocktail im Alpenland Schweiz zu sein.

Und als ich neulich in das Warte­zimmer des Kinder­arztes spazierte, wandte sich eine Mutter meinem Sohn zu: «Na, du Süsser, woher kommst denn du?» Ich hatte an jenem Tag keine Lust auf Sarkasmus. «Wie meinen Sie das genau?», fragte ich deshalb zurück. «Oh, Sie wissen doch, wie das gemeint ist», lächelte sie und strich ihm über die Wange. «Pah!», rief eine andere Mutter von hinten. «Und als nächstes muss der Kleine noch beant­worten, wo er sich mehr zu Hause fühlt. Hier oder dort!». Ich lächelte, denn ich hatte gelernt, nicht auf jede Frage antworten zu müssen. Mein Sohn würde dasselbe lernen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.