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Brief an Andreas Glarner: «Wo kommen wir denn hin, wenn wir aufeinander Rücksicht nehmen?»

Die Schweiz befindet sich mitten im Cervelat-Krimi, losgetreten von SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Ein Drama in fünf Akten.

Akt 1: Eine «enttäuschte Mutter» ruft SVP-Nationalrat Andreas Glarner an. Ihre Kinder, die in einer Jugendorganisation einer kleineren Aargauer Gemeinde mitwirken, dürften ans Abschlussfest keine Cervelats mitbringen. Diese würden Schweinefleisch enthalten und sollten deswegen nicht auf demselben Grill wie die Grilladen der muslimischen Kinder liegen.

Akt 2: Glarner beschliesst zu handeln – auf Facebook. In Glarner-Manier schildert er die Ereignisse auf seiner Facebook-Seite und fügt an: «Unglaublich, nicht? Schweizer, erwache! Es ist Zeit, aufzustehen und sich gegen die Auswüchse dieser Religion zu wehren!»

Akt 3: Diverse Schweizer Zeitungen nehmen die Geschichte auf – dass Glarner den Medien den Namen der betroffenen Mutter nicht nennen möchte, und der Wahrheitsgehalt der Schilderungen somit nicht überprüft werden kann, scheint keine Rolle zu spielen. Die Story des SVP-Politikers ist zu gut, um im Papierkorb zu landen.

Akt 4: Durch die Diskussion wird der Fall einer Schule in Stengelbach bekannt, wo die Empfehlung an die Eltern lautet, beim Abschiedsfest doch bitte auf Schweinefleisch zu verzichten, «damit alle Kinder davon essen können». Integrationsforscher und Politiker melden sich zu Wort, der Tenor reicht von «Quatsch!» und «mehr Selbstverantwortung ist gefordert!», bis über: «Stellt doch einfach einen zweiten Grill auf!» Die Frage, ob Schweinefleisch auf dem Grill für Muslime tatsächlich ein Problem darstellt, wird allerdings nicht beantwortet.

Die Frage, ob Schweinefleisch auf dem Grill für Muslime tatsächlich ein Problem darstellt, wird allerdings nicht beantwortet.

Akt 5: Angeheizt durch den ganzen Rummel, den sein Post ausgelöst hat, beschliesst Glarner das Übel an der Wurzel zu packen – und stellt die Schüler einer Schulklasse online bloss. Er veröffentlicht (wiederum auf Facebook) die angebliche Liste einer Schulklasse mit italienischen, südosteuropäischen und arabisch klingenden Namen. Bezogen auf ein Mädchen mit Schweizer Namen schreibt er: «Die Arme XY wird wohl keine Cervelat mitbringen dürfen. Schweizer, wacht auf!» Der Beitrag löst einen Shitstorm aus, und Glarner sieht sich gezwungen, den Post zu löschen.

 

Stimmen nach einem Rücktritt Glarners werden laut und ebben bald ab. Was bleibt, ist eine unverdaute Cervelat mit fahlem Nachgeschmack. Judith Bühler vom Verein JASS kritisiert in einem öffentlichen Brief Glarners Vorgehen.

Lieber Andreas Glarner

Mit grosser Bestürzung habe ich heute vom Cervelat-Gate gelesen. OMG! Das ist eine Katastrophe. Ja wo kommen wir denn da hin, wenn wir gegenseitig aufeinander Rücksicht nehmen? Das wird bestimmt ganz, ganz schlimm. Es gibt natürlich verschiedene Möglichkeiten, mit der Realität in unserer Gesellschaft umzugehen. Wir sind hierzulande schlichtweg eine superdiverse, postmigrantische, unglaublich vielfältige Gesellschaft.

Davor kann man natürlich die Augen verschliessen. Professor Doktor Kruse, der bekannte Change-Manager, benennt dies als ein mögliches, leider dysfunktionales Verhaltensmuster, um mit grosser Komplexität umzugehen. Diese Verhaltensmuster wird jedoch der Realität nicht gerecht. 

«Wo kommen wir denn da hin, wenn wir gegenseitig aufeinander Rücksicht nehmen?»

Der Mensch sucht immer einen Umgang mit der Komplexität, das ist sein natürliches Verhalten. Je diverser die Welt wird, umso mehr Komplexität muss der Mensch verarbeiten – und das kann ihn schnell überfordern. Das ist total verständlich. Nur, und hier kommt das grosse Aber: Von einem Politiker (Politik steht im Dienste des Volkes, sprich der Gesellschaft) deiner Grösse erwarte ich die Fähigkeit, mit dieser zunehmenden Komplexität umgehen und Politik für die Menschen und die Gesellschaft betreiben zu können!

Dein Cervelat-Post macht genau das Gegenteil. Das ist Politik gegen unsere superdiverse, postmigrantische, unglaublich vielfältige Gesellschaft. Du schürst damit Ablehnung gegenüber einer Minderheit in deinem Volk. Du schürst damit Hass in unserer gemeinsamen Gesellschaft. Warum tust du das? Weisst du nicht, dass du damit eine Gesellschaft zerstören kannst? Mit solchen Aussagen förderst du das Gefühl von Unsicherheit in den Menschen deines Volkes.

Hey, du bist nicht Donald Trump und twitterst Bullshit vor dich hin, wie ein provokatives Kind auf den Pausenplatz. Als Stimmbürgerin und Volksangehörige erwarte ich von einem Politiker wie dir, dass er die Sicherheit und Gesundheit der Gesellschaft, des Volkes, über alles (!) stellt. Dabei sollte als allererstes auf deiner Agenda stehen: «Den sozialen Frieden wahren und fördern.» Hass schürt und gefährdet diesen sozialen Frieden.

«Mit solchen Aussagen förderst du das Gefühl von Unsicherheit in den Menschen deines Volkes.»

Ich möchte mich aber nun doch um den Kern deines Problems bemühen. Mir scheint, du findest keine Lösung, um mit Vielfalt zu grillieren. Wenn ich dich als verzweifelte Mutter deswegen kontaktieren würde, würde ich erwarten, dass du mir bei der Lösung des Problems behilflich bist. Mit oder ohne Schwein. Weisst du, dass «ohne Schwein» noch viel komplizierter als nur muslimisch ist? Wie grillierst du mit Vegetarierinnen und Vegetariern?

Damit mussten ich mich bereits in einer Heimatgemeinde im Zürcher Oberland auseinandersetzen. Die Lösung war sehr einfach: Ein Grill für Vegetarisches und ein Grill für Fleischiges. Dann begannen immer mehr Menschen vegan zu essen – kein Problem, ein Grillfest ist ein Grillfest, dann wird halt noch ein Grill aus der Nachbarschaft dazugestellt. Ja, und seit ein paar Jahren sind es vier Grills: 1 x veggi, 1 x vegan, 1 x mit Schwein und 1 x ohne Schwein/halal. Über dem Feuer mit Grillstecken ist da etwas einfacher – aber offene Feuer sind nicht überall erlaubt.

Oh und bevor ich es vergesse: Es gibt übrigens auch muslimisch mit Schwein und schweizerisch ohne Schwein. Ach ist das kompliziert, ich weiss. Weisst du, dass etwas erst kompliziert wird, wenn man der Komplexität nicht gewachsen ist?

«Es gibt übrigens auch muslimisch mit Schwein und es gibt schweizerisch ohne Schwein.»

 

Und abschliessend möchten wir dich gerne darin unterstützen, mit dieser zunehmenden Komplexität umzugehen: Vielleicht hast du schon von GRENZENLOS GENIESSEN gehört. Erschrick nicht gleich, ich weiss, du magst Grenzen. Es macht aber wahnsinnig Spass grenzenlos zu kochen und dann gemeinsam zu geniessen. Gerne kommen wir von JASS mit diesem Format bei dir in Oberwil Lieli vorbei, um vielfältig zu Grillen und einfach nur an einem schönen Sommerabend gemeinsam Spass zu haben. Ich bringe dir auch gern eine Cervelat mit. Es würde mich sehr freuen, wenn du dieses Angebot annehmen würdest.

Ich freue mich darauf, von dir zu hören und grüsse dich herzlich, Judith.

  1. Besa Kajtazi

    Ich finde die Art und Weise wie dieser Artikel geschrieben worden ist, nicht angemessen. Sehr herabschätzend und fast schon ein bisschen theatralisch wurden einge wichtige Punke hervorgehoben. Ich finde einfach das man in der Schweiz grundsätzlich nicht auf irgendwelche Lebensmittel verzichten sollte, ausser jemand wäre allergisch auf das und könnte daran sterben, wie es bei Nüssen vorkommen kann. Fakt ist, wir sind in der Schweiz und hier wird und darf Schweinefleisch gegessen werden. Nun um die Situation zu enschärfen, muss man nicht igendwelche Wutausbrüche verschriftlichen und es den andern gleich machen, sondern Lösungsvorschläge bringen, finde ich. Vielleicht kann man einen zweiten Grill organisieren, den Grill in zwei Bereiche teilen oder sonst was, aber ein Lebensmittel einfach zu verbieten aus religiösen Gründen und alle mit einzubeziehen ist meines Erachtens nicht eine faire Lösung.

    Andere Kulturen und Religionen zu respektieren und miteinzubeziehen finde ich wichtig und ausgesprochen gut. Jedoch finde ich es auch wichtig, dem Menschen die Wahl zu lassen und nicht einfach jedem etwas grundsätzlich zu verbieten. Wenn man anderen gegenüber liberal ist, darf man sich auch gegenüber liberal sein.

    Herzliche Grüsse, Besa Kajtazi

    • Bina Muhtari

      Liebe Besa, danke für deinen Kommentar. Die kurze Zusammenfassung der Diskussion ist mit Absicht theatralisch verfasst, weil es sich unserer Meinung nach um ein Theater handelt. Ich stimme mit dir absolut überein, dass niemand aus Rücksicht auf andere auf seine Cervelat verzichten muss. Der Kritikpunkt ist allerdings ein anderer. Die Diskussion wurde erstens über den Köpfen der Betroffenen hinweg geführt. So wird nicht klar, inwiefern und ob überhaupt eine Cervelat auf dem Grill stört, bzw. ob hier ein reales gesellschaftliches Problem besteht, oder alles nur heisse Luft (bzw. Theater) von Seiten eines SVP-Politikers ist. Ganz abgesehen davon basiert die ganze Diskussion allein auf der Aussage Glarners, der sich auf den angeblichen Anruf einer besorgten Mutter bezieht, die für die Medien allerdings nicht zu sprechen war, auch nicht anonym. Somit konnten weder der Wahrheitsgehalt der Story noch die genauen Umstände überprüft werden. Sollte sich Cervelat-Gate allerdings tatsächlich als ein gesellschaftliches Problem herausstellen, wie es in der gegenwärtigen Diskussion dargestellt wird, dann sind tatsächlich Lösungen gefordert – und die können nicht darin bestehen, dass Schweinefleisch oder Cervelats von den Schulen verboten werden. Judith Bühler hat hierzu einige Vorschläge geliefert. Deine Kritik, wir hätten die «Wutausbrüche» verschriftlicht, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Wir dachten allerdings, das sei nötig, um einen kurzen Überblick über die Diskussion zu verschaffen.

      Liebe Grüsse,
      Bina

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