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«Am Ende des Tages rufe ich meine Schwester an»

Die Beziehung zwischen Geschwistern ist so einzigartig wie keine andere. Schwestern erzählen.

Als ich das erste Mal vom Fünfmeter sprang, war ich in der 6. Klasse. Ich war schon immer ein ängst­liches Kind gewesen, eigentlich wollte ich nicht springen. Das Wasser schien weit weg, ich konnte kaum hinsehen. Warum ich trotzdem hier oben stand? Nicht wegen meinen Freun­dinnen, oder weil es nun mal dazu gehörte, vom Fünfmeter zu springen. Vor wenigen Minuten war ich noch unten auf der Liege­wiese gelegen, als plötzlich jemand rief: «Schnell, schau, wer vom Fünfmeter springt!» Als ich mich umdrehte, sah ich meine Schwester Matilda. Einen Kopf kleiner als ich, gerade mal in der 3. Klasse, stand sie oben auf dem Fünfmeter. Sie sah entschlossen aus, zögerte kaum – und sprang. Nun blieb mir nichts anderes übrig, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Mit diesem Gedanken im Kopf holte ich noch einmal tief Luft und sprang.

Die Beziehung zu meiner Schwester ist eine Besondere, anders als die zu jedem anderen Menschen auf der Welt. Wir sind zusammen aufge­wachsen und haben uns gemeinsam entwickelt. Wie zwei Höhen­kurven auf einer Karte waren wir einander einmal nah, einmal bewegten wir uns vonein­ander weg, aber ein Bezugs­punkt war immer da.

«Meine Geschwister sind wie ein Stück Kindheit, das ich mitge­nommen habe.»

Auch Dzeneta sieht die Beziehung zu ihrer Schwester als etwas Beson­deres. «Meine Geschwister sind wie ein Stück Kindheit, das ich mitge­nommen habe», sagt sie. Sie erzählt, wie sie die Ferien stets bei ihren Gross­eltern in Mazedonien verbracht hätten. «Dort spielte ich mit meinen Cousinen, die meisten waren so alt wie ich oder etwas älter. Natürlich wollte Amina immer dabei sein, mit wem hätte sie denn sonst spielen sollen?», erzählt Dzeneta. Für sie selbst sei das eine Last gewesen, denn Amina war damals vier Jahre jünger. «Ich wollte sie nie dabei­haben, ich war so gemein zu ihr.»

Auch ich erinnere mich, wie oft ich mit meiner Schwester gestritten habe. Als Teenager hatten wir einen ähnlichen Geschmack, und dass uns die Kleider der anderen passten, war Fluch und Segen zugleich. Wenn wir gemeinsam shoppen gingen, haben wir uns dann geeinigt, dass jede eine andere Hose kauft, anziehen könnten wir sie dann ja beide. Funktio­niert hat das nie – morgens fehlte genau das, was ich hätte anziehen wollen, und ganz plötzlich war Matildas Lieblings-Shirt verschwunden. Streit war vorpro­gram­miert.

«Es war meine kleine Schwester, die mir verraten hat, dass es das Christkind nicht gibt.»

Im Geheimen habe ich Matilda immer dafür bewundert, wie stur sie sein konnte. Manchmal redete sie drei Tage nicht mit meinen Eltern, bis sie bekam, was sie wollte. Ich wäre auch gern so mutig gewesen wie sie. Matilda behan­delte fremde Menschen, als würde sie sie schon seit Ewigkeiten kennen, sang und redete auf Bühnen, ohne je Lampen­fieber zu haben. Ich habe mich oft mit ihr verglichen, war eifer­süchtig. Sie war meine kleine Schwester, aber oft fühlte ich mich von ihr übertrumpft. Sie war es, die mir damals verraten hat, dass es das Christkind nicht gibt. Das scheint lächerlich, schliesslich bin ich ja die grosse Schwester. Ob sie mich auch manchmal beneidet hat? Rivalität zwischen Schwe­stern kommt häufig vor, besonders wenn sie alters­mässig nahe beiein­ander sind. Wenn Eltern dann Vergleiche zwischen Geschwi­stern anstellen, verstärkt das die Rivalität oft noch. Manchmal sagte mein Vater, meine Schwester solle mehr lernen, damit sie auch so gute Noten hatte wie ich. Oder er verglich mich mit ihr, wenn ich beim Klavier­vor­spiel vor lauter Nervo­sität total versagte. Matilda könne doch auch problemlos vorspielen, ich sollte mich einmal zusam­men­reissen, meinte er dann.

«Wir haben uns nie verglichen», sagt Dzeneta, «wir haben einfach nicht die gleichen Dinge gemacht». Amina habe gern getanzt, sie selbst lieber Fussball gespielt. In der Schule seien die beiden ungefähr gleich gut gewesen – da habe es keinen Grund gegeben, eifer­süchtig zu sein. «Nur als wir ganz klein waren, da habe ich Amina beneidet, weil sie mit Mama zu Hause bleiben durfte», erinnert sich Dzeneta. Sie selbst habe die Schule besucht, das sei unglaublich anstrengend gewesen. «Ich habe nichts verstanden, weil wir gerade erst in die Schweiz gekommen waren. Da wäre ich auch lieber mit Mama zu Hause geblieben.»

Ansonsten seien die beiden aber zu verschieden, um sich mitein­ander zu vergleichen. Sie reise gern mit dem Rucksack, übernachte in Hotels und wandere. Sie könne sich allein beschäf­tigen oder auch mal allein essen gehen. «Amina würde so etwas nie machen», sagt Dzeneta und lacht. «Das ist einfach nicht ihr Ding. Sie sagt dann immer ‹I’m experi­encing things through you.›» Ich frage Dzeneta, was sie denn nie machen würde, was Amina macht. «Meine Nägel», sagt sie lachend. Amina habe immer lange, gemachte Nägel. «Ich würde gern mehr zu mir schauen, so wie sie es tut. Sie nimmt sich wirklich Zeit für sich, ich dagegen brauche am Morgen sieben Minuten, dann gehe ich aus dem Haus.» So habe sie zum Beispiel von Amina gelernt, sich zu schminken. Ganz allgemein sei ihr die Meinung ihrer Schwester unglaublich wichtig, gerade beim Thema Styling. «Sogar Karl Lagerfeld könnte mir sagen, dass etwas gut aussieht, aber wenn Amina es nicht gut findet, dann ziehe ich es nicht an.»

«Karl Lagerfeld könnte mir sagen, dass etwas gut aussieht, aber wenn Amina es nicht gut findet, ziehe ich es nicht an.»

Matilda und ich sind uns ziemlich ähnlich. Nicht unbedingt vom Charakter her, mein Freund sagt immer, sie sei eine Extrem­version von mir. Spontaner, explo­siver, lauter, lustiger. Aber wir inter­es­sieren uns für ähnliche Dinge. Wir beide lieben Flohmärkte, Second­hand­kleider, Pflanzen, Musik. Wer wem was nachge­macht hat, kann längst niemand mehr sagen. Sie inter­es­siert sich für Politik und Geschichte. Ich auch. Ich liebe es, zu reisen und fremde Kulturen zu entdecken. Sie auch. Sie isst kein Fleisch und setzte sich für die Umwelt ein. Ich auch. Ich mag tiefgründige Gespräche, seltsame Fragen, lange Diskus­sionen. Sie auch. Bern ist meine Wahlheimat. Und jetzt auch ihre. Ob diese Ähnlichkeit ein Grund sein müsste, uns besonders gut zu verstehen? Oder eher einer, mitein­ander wetteifern zu müssen? Wer ist besser, schneller, lauter?

Zum Glück streiten wir uns jetzt nicht mehr oft, Matilda und ich. Wir haben beide unser eigenes Leben, es gibt einen Sicher­heits­ab­stand zwischen unseren Kleider­schränken. Bei Dzeneta und Amina ist das anders. Sie leben seit sechs Jahren zusammen. Das könnten Matilda und ich nie – die zwei Wochen, als sie bei mir unterkam, weil sie keine Wohnung hatte, waren eine Katastrophe. Sie brachte mich mit ihrer Unordnung und Unzuver­läs­sigkeit auf die Palme. Dass Dzeneta und Amina das schaffen, bewundere ich. «Natürlich gibt es Ausein­an­der­set­zungen», sagt Dzeneta, gerade beim Thema Haushalt. «Jede hat immer das Gefühl, sie putze alles und die andere mache gar nichts.» So hasse sie es zum Beispiel die Wäsche zu waschen. Immer gehe etwas kaputt oder Kleidungs­stücke färbten ab. Amina sei da unglaublich sorgfältig, weshalb auch sie es war, die immer alles gewaschen habe. «Das hat sie dann aber auch gestresst, gerade wenn sie sonst viel zu tun hatte», sagt Dzeneta. Es habe sechs Jahre gedauert, bis sie eine Lösung gefunden hätten: Jede wäscht ihre eigene Wäsche.

«Streit und Harmonie sind in dieser Beziehung fast untrennbar, sie gehören zusammen wie Ebbe und Flut.»

Vielleicht ist auch das das Beson­deres an der Beziehung zwischen Schwe­stern. Dass man viel streitet, aber noch viel mehr verzeiht. Streit und Harmonie sind in dieser Beziehung fast untrennbar, sie gehören zusammen wie Ebbe und Flut. Genau wie damals als Kind, schaffe ich es auch heute nicht, lange auf Matilda wütend zu sein. Selbst wenn ich mir fest vorge­nommen habe, nicht nachzu­geben, verzeihe ich Matilda sofort. Immer und immer wieder. Denn immerhin sind Geschwister jene Menschen, mit denen wir die längste Beziehung in unserem Leben führen. Unsere Eltern haben schon gelebt, bevor wir auf die Welt kamen, und wahrscheinlich werden wir länger leben als sie. Freun­dinnen lernen wir erst später kennen, und manchmal verlieren wir sie  aus dem Augen. Unsere Geschwister kennen wir am längsten, eine gemeinsame Kindheit, das Teilen einer ähnlichen Situation hat uns zusam­men­wachsen lassen. Als Kind habe ich mich manchmal darüber geärgert, dass man sich von seinen Geschwi­stern nicht scheiden lassen kann. Wenn man den falschen Partner heiratet, ist das kein Problem, dachte ich mir – man kann sich ja scheiden lassen. Aber die Geschwister wird man einfach nicht mehr los.

Trotzdem leben sich viele Erwachsene mit ihren Geschwi­stern ausein­ander. Man zieht in einen andere Stadt, vielleicht sogar in ein anderes Land. Man gründet eine eigene Familie, verliert sich aus den Augen. Wie leicht das passieren kann, denke ich mir. Und wie seltsam es ist, wenn man bedenkt, dass wir als Kinder jeden Tag mitein­ander verbracht haben. Manchmal hätten wir alles dafür gegeben, uns für einmal loszu­werden, aber an den meisten Tagen, hat es Spass gemacht, so viel Zeit mitein­ander zu verbringen. Wie das wohl mit uns einmal wird, Matilda?

Das fragt sich Dzeneta auch, denn nun, nach sechs Jahren, zieht Amina zu ihrem Freund. «Muss ich mich dann anmelden, wenn ich sie besuchen will? Oder kann ich einfach reinkommen, so wie jetzt?» Dzeneta sagt, sie habe es genossen, mit Amina zusammen zu wohnen. «Es war halt wie zu Hause», sagt sie. «Du liegst einfach irgendwie auf der Couch und es ist absolut egal, wie das aussieht. Mit einer Mitbe­woh­nerin wäre das anders.»

Geschwister sind also ein Stück zu Hause. Dass wir sie schon so lange kennen, bedeutet aber eben nicht nur, dass wir viel zusammen gelacht und gestritten haben, sondern auch, dass wir viel vonein­ander gelernt haben. Matilda konnte schon lesen, bevor sie in die Schule kam, das hat sie von mir gelernt. Auch Dzeneta hat ihren Geschwi­stern sehr Vieles mitge­geben. «Unsere Eltern waren sehr streng», erzählt sie, «Vieles, was für andere selbst­ver­ständlich war, durften wir nicht tun.» Sie habe immer für ihre Geschwister gekämpft, damit sie all das erleben konnten, was auch sie erlebt hatte. Sie habe auch stets versucht, Amina mitzu­reissen. «Wir waren gemeinsam an unserem ersten Konzert. Das weiss ich noch ganz genau, es war an einem 6. Dezember, von One Republic. Ich habe sie auch mitge­nommen, als ich das erste Mal mit Freunden in die Ferien fuhr. Ich war damals 20, sie 16 und frustriert, dass meine Eltern sie nicht in den Ausgang liessen. Also kam sie mit nach Madrid, dort konnte sie mit uns in den Ausgang.» Zwar habe sie Amina als Kind ausge­schlossen, später sei es aber anders gewesen. So seien die beiden gemeinsam ausge­zogen, was Amina vieles ermög­licht habe. «Ich habe mich wirklich für sie einge­setzt, und Amina hat später dasselbe für unsere jüngere Schwester gemacht.»

«Meine Geschwister sind das schönste Geschenk, das Gott mir machen konnte.»

Ein Leben ohne ihre Geschwister kann sich Dzeneta nicht vorstellen. «Sie sind das schönste Geschenk, das Gott mir machen konnte», sagt sie. Da sind wir uns beide einig. Niemand regt mich so sehr auf wie Matilda. Aber ich kann auch mit niemandem besser lachen als mir ihr. Wir streiten uns, sind uns oft uneinig. Aber wie Dzeneta schon sagt: «Am Ende des Tages, wenn irgend­etwas ist, rufe ich meine Schwester an.»

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